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Rede
von
Landespolizeipräsident Erwin Hetger
beim
Trauergottesdienst für
Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter
in der
Hoffnungskirche in Oberweißbach
2. Mai 2007
Sperrfrist: Redebeginn 14.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Familie
Kiesewetter,
verehrte Angehörige,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Trauergemeinde,
heute ist der Tag
des endgültigen Abschiednehmens von Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter.
Hier in ihrer Heimatgemeinde, wo sie aufgewachsen und zur Schule
gegangen ist, ist dies der richtige Ort. Hierhin - zu ihrer Familie, zu
ihren Freunden und Bekannten - hat es sie immer wieder gezogen. Hier hat
sie ihre Freizeit verbracht; hier hat sie Ausgleich gefunden und Kraft
geschöpft für ihren verantwortungsvollen und anstrengenden Polizeiberuf
bei uns in Baden-Württemberg.
Wir sind mit einer
großen Polizeidelegation hierher gekommen, um unser Mitgefühl, unsere
Anteilnahme, unsere tiefe Betroffenheit deutlich zu machen. Viele
Kolleginnen und Kollegen, die heute hier sind, haben Michéle Kiesewetter
bei vielen Einsätzen, aber auch bei persönlichen Begegnungen, als eine
überzeugende, ja starke Kollegin erlebt. Sie haben sie geschätzt; auf
sie konnten sie sich verlassen.
Michéle Kiesewetter
hatte bei uns, bei der Polizei Baden-Württemberg, ihre berufliche Heimat
gefunden. Wir alle stehen voller Respekt und Hochachtung heute hier an
ihrem Sarg. Das, was wir empfinden, was wir fühlen, lässt sich kaum in
Worte fassen. Vielleicht ist es auch angezeigt, nicht jede innere
Regung, ja Erregung, verbal zum Ausdruck zu bringen. Wir sind tief
betroffen, wir sind traurig, aber nicht mutlos. Ich denke, es ist im
Sinne unserer Kollegin Michéle Kiesewetter - und es entspricht auch
ihrer Grundeinstellung zum Polizeiberuf - weiterhin mit aller
Entschlossenheit gegen jede Form von Gewalt in unserer Gesellschaft
vorzugehen.
Die brutale Tat hat
in der Bevölkerung und innerhalb der Polizei bundesweit große Bestürzung
und tiefe Betroffenheit ausgelöst. In vielen Schreiben und Anrufen aus
dem gesamten Bundesgebiet haben Menschen in den letzten Tagen ihren
Gefühlen Ausdruck verliehen. Der Innenminister des Freistaates Thüringen
hat - auch im Namen der Thüringer Polizei - sein Mitgefühl übermittelt.
In Heilbronn, dort wo Michéle Kiesewetter das Leben genommen wurde, hat
die Bevölkerung, haben die Menschen, zu deren Sicherheit sie am
vergangenen Mittwoch eingesetzt war, in einem Gottesdienst ihrer
gedacht. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und der
Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn haben Kränze zu den vielen Blumen
und Kerzen am Ort des furchtbaren Verbrechens niedergelegt. In
Böblingen, dem Standort der 5. Bereitschaftspolizeiabteilung, haben wir
mit einem großen Trauerzug und in einem Trauergottesdienst am
vergangenen Montag von der Kollegin Michéle Kiesewetter Abschied
genommen. Dabei wurde deutlich: der Schock sitzt tief bei der Polizei.
Es fällt uns schwer,
zu realisieren, dass Michéle Kiesewetter so jung von uns gehen musste.
Sie wurde nur 22 Jahre alt. Sie wurde im Dienst - im Dienst für unsere
Sicherheit - kaltblütig ermordet. Durch brutale Gewalt wurde ihr Leben
ausgelöscht und uns allen ein lieber Mensch entrissen. Deshalb gilt in
dieser bitteren Stunde unsere Anteilnahme vor allem den Eltern, der
Schwester und den Großeltern von Michéle. Ihnen, liebe Familie
Kiesewetter, spreche ich auch im Namen aller Kolleginnen und Kollegen
der Polizei Baden-Württemberg meine aufrichtige Anteilnahme aus.
Wir sind fassungslos
ob dieser skrupellosen und kaltblütigen Tat, die am helllichten Tag
mitten unter uns geschah. Die Tat hat uns allen in erschreckender Weise
eine neue Qualität der Gewalt vor Augen geführt - in einer Weise, die
wir uns so nicht vorstellen konnten. Michéle und ihr Kollege Martin
Arnold hatten keine Chance, sich zu wehren.
Trost zu finden, ist
in diesen bitteren und schweren Tagen kaum möglich. Wir suchen bei
unserer Trauer und in unserem Schmerz nach Antworten. Warum musste
Michéle Kiesewetter sterben? War es nicht ein Routineeinsatz? Oder gibt
es in unserer heutigen gewaltgeneigten Zeit keine Routineeinsätze mehr?
Wir können das leider noch nicht beantworten. Aber Antworten müssen
gefunden werden.
Wir wissen, dass der Polizeiberuf mit vielen Gefahren verbunden ist. Der
feige Anschlag hat uns dies wieder deutlich vor Augen geführt. Auch
Michéle Kiesewetter war bewusst, dass ihr Traumberuf gefährlich und kein
Beruf wie jeder andere ist. Doch sie wusste auch - und das zeichnete sie
besonders aus: wir alle sind darauf angewiesen, dass Menschen anderen
Menschen in Not beistehen und für ihre Sicherheit einstehen - und sie
sah dies als ihre Berufung an. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der
Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, kannten sie besonders gut. Und
Sie werden mir beipflichten, wenn ich sage, dass Hilfsbereitschaft,
Verlässlichkeit und ein hohes berufliches Selbstverständnis ihre
hervorstechenden Eigenschaften waren. Deshalb war sie eine so wertvolle
Kollegin, ein so wertvoller Mensch.
Michéle Kiesewetter
hat sich bewusst für die Polizei Baden-Württemberg entschieden. Obwohl
sie auch eine Ausbildungszusage der Polizei in Hamburg hatte, wollte sie
bei uns Polizistin sein. Im März 2003 wurde sie bei der 3.
Bereitschaftspolizeiabteilung in Biberach eingestellt. Nach ihrer
Ausbildung im August 2005 wechselte sie als Einsatzbeamtin in die
Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit bei der 5.
Bereitschaftspolizeiabteilung in Böblingen. Den anspruchsvollen Dienst
in dieser Einheit liebte Michéle Kiesewetter; sie verfolgte ihre Ziele
ehrgeizig und mit starkem Willen. Aufgrund ihres Engagements und ihres
Teamgeistes sollte sie dauerhaft in dieser Einheit übernommen werden, wo
sie sich wohl und von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen aus
Böblingen, angenommen fühlte. Diesen Wunsch können wir ihr nun leider
nicht mehr erfüllen.
Ihr Dienst führte
sie am 25. April nach Heilbronn, zusammen mit ihrem Kollegen Martin
Arnold, der immer noch um sein Leben ringt. Unsere Gedanken und unsere
Gefühle sind auch bei ihm. Wir hoffen, dass er schnell wieder gesund
wird. Die Aufgabe von Michéle Kiesewetter und ihren Kollegen war es, bei
diesem Einsatz in der Heilbronner Innenstadt und an neuralgischen
Punkten der Drogenszene die Straßen- und Rauschgiftkriminalität zu
bekämpfen. Für ihre Einheit ist dies eigentlich ein alltäglicher
Einsatz. Dass ausgerechnet dieser Alltagseinsatz für Michéle Kiesewetter
und Martin Arnold eine so bittere Wende nehmen würde, konnte niemand
ahnen. Ich denke, wir müssen uns damit abfinden: Ungefährliche
Routineeinsätze bei der Polizei gibt es nicht.
Die Tragik ist
unglaublich: Michéle Kiesewetter hatte an dem Tag, an dem sie ihr Leben
verlor, eigentlich Urlaub; sie hat sich aber freiwillig zum Dienst
gemeldet. Ihr Engagement und ihre Liebe zu ihrem Beruf musste sie mit
ihrem Leben bezahlen. Der Polizeiberuf war ihr Lebenstraum. Sie hat im
wahrsten Sinne des Wortes für den Polizeiberuf gelebt. Sie hat für die
Sicherheit in unserem Land gelebt. Sie hat für die Menschen gelebt - und
sie musste dafür sterben. Wir schulden ihr größten Respekt und
Anerkennung.
Michéle Kiesewetter
ist für uns alle gestorben. Ich versichere Ihnen: Wir werden sie in der
Polizei Baden-Württemberg nicht vergessen. Wir werden ihren Tod nicht
einfach nur als Schicksalsschlag hinnehmen. Ihr Tod muss für uns mehr
sein. Ihr Tod darf nicht umsonst gewesen sein. Ihr Tod ist die
Verpflichtung für uns und auch für alle Bürgerinnen und Bürger, aktiv
für das Recht einzutreten und alles daran zu setzen, dass Gewalt und
Unrecht sich nicht ausbreiten. Ihr Tod darf die Menschen nicht nur
vorübergehend gegen Gewalt in unserer Gesellschaft aufrütteln. Gewalt
muss dauerhaft gesamtgesellschaftlich geächtet werden.
Wir werden die
Konsequenzen dieser brutalen Tat nüchtern und sachlich analysieren - das
ist unsere Pflicht. Wir werden weiterhin als eine offene, transparente
und kommunikative Bürgerpolizei auftreten. Von dieser bürgerorientierten
Linie können und dürfen uns die Mörder nicht abbringen. Ich bin zutiefst
davon überzeugt, dass dies auch im Interesse von Michéle ist, deren
Stärken genau hier lagen und die den Begriff der Bürgerpolizei in ihrem
Handeln mit Leben erfüllte.
Liebe Angehörige,
noch wissen wir
nicht, wer Michéles junges Leben so skrupellos und kaltblütig beendet
hat. Die Polizei Baden-Württemberg wird alles daran setzen, diese
schreckliche Tat aufzuklären. Dies wird Ihr Leid und unsere
Betroffenheit nicht mindern. Aber es kann helfen, das Schreckliche zu
verarbeiten.
Verehrte
Trauergemeinde,
wir aus
Baden-Württemberg werden sie heute wieder verlassen. Wir werden Michéle
hier zurücklassen. Aber in unseren Gedanken, in unserem Fühlen und in
unserer Trauer werden wir weiterhin hier bei Ihnen und bei ihr sein.
Symbolisch haben wir bei der Trauerfeier am Montag in Böblingen
Kieselsteine auf dem Sarg abgelegt, die Michéle hierher nach Thüringen
begleitet haben. Sie sind als ein letzter Händedruck zu verstehen.
Wie für Sie wird
auch für uns das Leben nicht mehr das sein, was es war - vor allem für
die Kolleginnen und Kollegen der Bereitschaftspolizei, die mit ihr
tagtäglich zusammengearbeitet haben. Vielleicht gelingt es uns und Ihnen
einmal, dass die Dankbarkeit, Michéle gekannt zu haben, Trauer, Wut und
Ohnmacht überlagern. Wir beten für Sie, liebe Angehörige, dass Sie mit
Gottes Beistand den Schmerz ertragen und Trost finden. |